23. September 2020

Wie ich mir den Umgang mit chronisch kranken Menschen im Job wünschen würde

Ich saß letztens mit einer Freundin von mir in einem Café. Sie hat selbst eine chronische Krankheit, wenn auch eine andere als MS. Wir sind im Job beide sehr leistungsorientiert und haben schnell ein schlechtes Gewissen, wenn mal etwas nicht so funktioniert wie es soll. Und kann schwierig werden.

Grundsätzlich gilt: Menschen mit chronischen Krankheiten wie Rheuma, MS oder Depressionen können genauso leistungsfähig sein, wie gesunde. Es gibt allerdings ein großes Aber. Denn häufig wissen sie gerade am Anfang der Krankheit nicht, wann es zu viel wird. Jeder kommt mit Stress anders klar. Ich bin zum Beispiel ein echter Workaholic. Ich liebe meine Arbeit und bin gerade absolut unglücklich, weil ich nicht arbeite. Daran bin ich allerdings selbst schuld, aber dazu ein anderes mal mehr.

Stress im Job bedeutet für jeden etwas anderes

Für eine gewisse Zeit kann ich also problemlos zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeiten und danach noch zum Yoga gehen oder mich mit Freunden treffen. Das kann ich aber nicht über Monate durchhalten. In der heutigen Leistungsgesellschaft scheint es genau das zu sein, was als normal vorausgesetzt wird.

Aber das ist es nicht und das sollte es auch nicht. Bei dem Gespräch mit meiner Freundin haben wir darüber diskutiert, was wir uns im Umgang mit unseren Krankheiten im Job wünschen würden.

Bisher habe ich es immer so gehandhabt, dass ich reinen Tisch gemacht habe, nachdem ich einen Schub hatte. Es war mir zu blöd, mir für eine zwei- bis fünfwöchige Arbeitsunfähigkeit eine faule Ausrede zu überlegen. Bisher ist mir das nicht zum Verhängnis geworden. Mir wurde Unterstützung angeboten, wenn ich sie brauche. Zwei Tage später war das Ganze dann scheinbar vergessen und alles nahm seinen gewohnten Gang. Denn ich habe immer Leistung gezeigt.

Was ich mir wünschen würde

Diese scheinbare Ignoranz kann man niemandem zum Vorwurf machen, denn letztendlich ist der Arbeitgeber ja nicht für das Wohlergehen seiner Angestellten verantwortlich. Ich hätte es viel schlimmer gefunden, wenn ich ab dem Moment dauerhaft Mitleid erregt hätte und meine Arbeit unter diesen Gesichtspunkten beurteilt worden wäre. Beide Extreme sind aber nicht hilfreich.

Im Job braucht es weder Mitleid noch Ignoranz sondern vielmehr Rücksichtnahme.  Meine Freundin würde sich beispielsweise wünschen, dass ihr nicht dauerhaft zu viele Projekte auf den Tisch gelegt werden. Ich würde mir tagsüber wünschen, dass ich mich auch mal zurückziehen kann und dass meine Kollegen mich auch mal an daran erinnern.

Und letztendlich wollen wir beide, dass uns mit Wertschätzung begegnet wird. Aber das sollte nicht nur für Menschen mit einer nicht sichtbaren Behinderung gelten, sondern für alle.

Was würdet ihr euch im Arbeitsleben von den Menschen wünschen, die von eurer Krankheit wissen?

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